Masowische Kleinstadt gewinnt EDEN-Preis

zyrardowmuseumIn Żyrardów spürt man noch den Geist der industriellen Revolution

Die im Zentrum Polens gelegene Kleinstadt Żyrardów wurde als einer der Preisträger des diesjährigen EDEN-Wettbewerbs ausgewählt. Mit dem Preis werden insgesamt 21 herausragende Reiseziele in ganz Europa geehrt.

Thema des diesjährigen EDEN-Wettbewerbs war die touristische Neuinszenierung historischer Strukturen. Żyrardów gilt als einzige nahezu vollständig erhaltene Fabriksiedlung aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Europa.
Die rund 50 km südwestlich von Warschau gelegene Stadt war ab 1829 praktisch aus dem Nichts in einem ehemaligen Waldgebiet entstanden. Ihr Name leitet sich von dem französischen Ingenieur Philippe de Gerard ab. Er gilt als Erfinder der Leingarnverarbeitungsmaschine. Seine Maschine wurde in Żyrardów zum ersten Mal eingesetzt.

zyrardowfabrikloftsFür den rasanten Aufschwung der Leinen-Industrie sorgten später die deutschen Fabrikanten Karl August Dittrich und Karl Theodor Hielle, die die Fabriken Mitte des 19. Jahrhunderts übernahmen. Unter ihrer Leitung entwickelte sich Żyrardów zum größten Leinenproduzenten in Europa, die Firma Dittrich & Hielle unterhielt Dependancen in aller Welt.
Planmäßig wurde Żyrardów in dieser Zeit als ideale Gartenstadt ausgebaut. Industrie- und Wohngebiet waren voneinander getrennt.

Zu der im Grünen gelegenen Werksiedlung gehörten die aus rotem Backstein gebauten Arbeiterwohnungen sowie ein Villenviertel für die Fabrikbesitzer und Führungskräfte. Kirche, Krankenhaus, Schule, Kindergarten, Wäscherei und eine städtische Badeanstalt ergänzten das Ensemble. In den Innenhöfen der Arbeitersiedlung wurden zweigeschossige Wirtschaftsgebäude für die Bewohner errichtet.

Bis heute bildet die ehemalige Siedlung das Zentrum der rund 40.000 Einwohner zählenden Stadt.
Die Insolvenz der staatlichen Leinen-Fabrik Ende der 1990er Jahre war für Żyrardów ein wirtschaftlicher Rückschlag.

zyrardowmarktplatzDoch davon hat man sich erholt. In der ehemaligen Spinnerei, einem rund 130 m langen und 40 m hohen Gebäude, entstehen mehr als 200 schicke Lofts und 30 exklusive Penthouses, die unter dem Namen Lofts de Girarda an zahlungskräftige Kunden verkauft werden.

Mit der Sanierung der übrigen Gebäude und der Revitalisierung des gesamten historischen Stadtviertels wurde bereits 2004 begonnen.
Insgesamt zählt man mehr als 200 denkmalgeschützte Gebäude. Zu ihnen gehört zum Beispiel die Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene neogotische Pfarrkirche.

Für ihren Bau stiftete Karl Dittrich junior mehr als drei Millionen Ziegel aus der eigenen Ziegelbrennerei. Für den Transport der Steine bildeten damals die Arbeiter eine zehn Kilometer lange Kette und reichten die Steine von Hand zu Hand weiter.
Im einstigen Palast von Karl Dittrich befindet sich heute das Regionalmuseum von West-Masowien. Daran schließt sich der nach Dittrich benannte, sechs Hektar große Stadtpark an, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt und in den vergangenen Jahren ebenfalls restauriert wurde.
Ein wichtiges Sanierungsprojekt wurde erst vor wenigen Tagen mit Unterstützung der Europäischen Union abgeschlossen.

Der um 1870 entstandene Fabrikhandelsklub für die leitenden Angestellten und die benachbarte historische Kegelbahn aus dem Jahr 1885 wurden in zweijähriger Arbeit komplett erneuert. Im ehemaligen Handelsclub Resursa befinden sich heute eine Theaterbühne und weitere Kultureinrichtungen, außerdem zieht dort die regionale Touristeninformation ein.

In der früheren Kegelbahn zeigt nun eine Dauerausstellung des Regionalmuseums die Geschichte der Stadt und der Leinenindustrie.
Vor Żyrardów erhielten in den vergangenen beiden Jahren bereits der ostpolnische Biebrza-Nationalpark und der Nationalpark Warthemündung die begehrten Auszeichnungen des EDEN-Wettbewerbs.
Info: Polnisches Fremdenverkehrsamt in Berlin, www.zyrardow.pl


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